Muslimische Patienten am Lebensende

Das Leben hat für alle Seelen irgendwann mal ein Ende. Denn es heißt “jede Seele wird den Tod kosten” (3:185). In meiner Praxis merke ich, dass es allen Menschen, egal ob gläubig oder nicht, schwer fällt den Tod zu akzeptieren. Die Nichtakzeptanz betrifft auch unheilbare Erkrankungen oder Zustände, die zeitnah mit dem Tod enden würden. Bei einigen Menschen merkt man diese Einstellung besonders, da sie den Mediziner:innen vorwerfen nicht genug getan zu haben, gar drohen. Dieses Verhalten beobachte ich leider auch öfter bei unseren muslimischen Mitmenschen. Es ist wichtig zu verstehen, dass auch die Medizin ihre Grenzen hat. Denn Allah (t) schreibt letztlich die Grenzen vor. In Situationen des Schmerzes fällt es vielen Menschen schwer, die Lage als Willen Gottes hinzunehmen, Der nur das bestmögliche für den Betroffenen wünscht.

„Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück.“ (2:156)

Deshalb gehört es zu unserer Aufgabe als Muslime, sich mit dem Tod intensiver auseinander zu setzten, um auf das Jenseits vorbereitet zu sein. Diese Thematik wird von uns Menschen gerne verdrängt. Aber der Tod ist vielmehr eine weitere Reise, die der Mensch ins Jenseits vornimmt, wo das eigentliche Leben beginnt. Ich möchte aus religiöser Sicht nicht tiefer in die Thematik eingehen und empfehle euch in diesem Zuge ein Buch, welches die Thematik für Muslime und interessierte Nichtmuslime ganz gut aufgreift: Die Reise ins Jenseits von Gada Khaled-Rubi.

Ich möchte aus medizinischer und schariarechtlicher Sicht einige Themenfelder rund um den Tod beleuchten, die vielleicht einige von uns betreffen könnten.

Behandlungsverzicht

Stellt euch vor euer Arzt sagt euch oder einem eurer Angehörigen, dass man von einer unheilbare Erkrankung betroffen ist, die eine ungünstige Prognose hat und man an Anlehnung ähnlicher Fälle weiß, dass man zeitnah versterben wird. Das Zeitfenster erstreckt sich je Erkrankung von 6 Monaten bis 5 Jahren – selten länger. Meistens sind Krebserkrankungen von diesen Prognosen betroffen. Nun erzählt er euch aber auch, dass man eine Chemotherapie oder eine Bestrahlungstherapie machen könnte, um das Leben um ein paar Monate zu verlängern. Was würdet ihr tun? Würdet ihr alles in Kauf nehmen, um ein paar Monate länger zu leben?

Man muss bedenken, dass…

… Chemotherapien heutzutage besser als bis vor 20 Jahren sind. Sie werden in der Regel gut vertragen, weil sie gezielter Krebszellen töten. Aber dennoch verursacht sie bei einigen Nebenwirkungen, die mit Leiden bis zu Krankenhausaufenthalten verbunden sind. Lasst euch gut beraten, welche Vor- und Nachteile die Chemotherapie für euch hätte und entscheidet euch für das Überzeugendere. Ich habe auch Ärzte erlebt, die sofort solche Therapien vorgeschlagen haben und den Erkrankten ihren tatsächlichen Zustand nicht ehrlich mitgeteilt und ihnen falsche Hoffnungen vermittelt haben. Aus meiner Sicht: Bestärken ja, aber falsche Hoffnung machen? Warum?

Man muss nicht alles von der Schulmedizin mitmachen, wenn die Prognose sehr ungünstig ist. Eine Überlegung wäre es dann, sich für die Palliativmedizin zu entscheiden und das restliche Leben angenehmer zu gestalten.

Aber wie ist das aus islamischer Sicht? Ist das nicht Sterbehilfe und wäre es dann nicht verboten?

Aktive Sterbehilfe:

Das ist die Tötung auf Verlangen. Der unheilbar Erkrankte wünscht sich vom Arzt mit einer Giftspritze den Tod schnell herbeizuführen, damit er nicht mehr all dieses Leid ertragen muss. Der Mensch verstirbt sofort. In Deutschland ist dies verboten. Auch islamisch gesehen ist dies verboten (haram).

Passive Sterbehilfe:

Der Arzt oder der Patient verzichtet auf eine Behandlung (OP, Chemotherapie) oder auf lebensverlängernde Maßnahmen (wie Herzdruckmassage, Beatmung, künstliche Ernährung), insbesondere wenn die Prognose sehr schlecht ist. Das heißt, dass die Person ohne Einschreiten sterben wird. Islamisch gesehen ist dieser Schritt mit einer medizinisch bestätigten Prognose erlaubt. Somit sprechen wir bei Passiver Sterbehilfe weder von Tötung noch von Selbstmord.

Indirekte Sterbehilfe:

Hierbei geht es nicht direkt ums Sterben, sondern um die Linderung von Schmerzen z.B. bei Krebserkrankungen. Durch die Verabreichung von hochdosierten Schmerzmitteln (Morphine) wird als Nebenwirkung in Kauf genommen, dass der Patient schneller stirbt. Wir wissen aus medizinischer Sicht, dass Morphine bei Überdosis einen Tod beschleunigen könnten. In Deutschland wird dieser Prozess in Krankenhäusern z.B. bei extremen Schmerzzuständen wie bei Tumorschmerzen oder bei einem ausgedehnten Schlaganfall praktiziert. Meistens geht man hierbei davon aus, dass die Person nicht mehr erwachen wird. Islamisch gesehen gibt es hierbei aber eine Grenze. Zur Schmerzreduktion dürfen Schmerzmittel (Morphine) oder Schlafmedikamente (Benzodiazepine) verabreicht werden. Jedoch ist ein Morphinperfusor, wobei das Medikament stündlich in die Venen gelangt, islamisch kritisch eingestuft, da hierbei der Tod beschleunigt wird. Diese Art von Beschleunigung geht man bei Verabreichung als Spritze oder Tablette nicht sehr ein.

Fazit:

Wenn eine Prognose als ungewiss oder ungünstig eingestuft wird könnt ihr euch aus islamischer Sicht auch gegen eine Behandlung entscheiden. Daher ich empfehle euch eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht anzulegen und auch gerne meinen Artikel über Palliativmedizin zu lesen. Für muslimische Ärzte oder Personen, die tiefer in die Thematik einsteigen wollen, empfehle ich das Buch von Dr. Mahmud Martin Kellner “Islamische Rechtsmeinungen zu den medizinischen Eingriffen an den Grenzen des Lebens”.

Wollt ihr mehr erfahren? Dann schaut euch gerne unser Instagram Livestream mit Frau Dr. Ferya Banaz-Yasar über den “Muslimischen Patienten am Lebensende” an, wo wir verschiedene Themen aufgreifen. Frau Dr. Ferya Banaz-Yasar ist Hospitzkoordinatorin der Universität Duisburg-Essen.